Panik. Angst und Verfolgungswahn.

Panik. Angst und Verfolgungswahn.

Ich habe Panik. Angst. Verfolgungswahn. Wer mich verfolgt? Das dicke Mädchen. Gläser wackeln und Türen werden aus ihren Verankerungen gerissen, Fenster borsten und die Menschen laufen panisch schreiend weg. Hinter mir steht übermenschengroß eine riesige dicke Figur, deren Schatten ganz Wien bedeckt. In jeder Hand einen Schokoriegel. Munter mampfend und Krümel und Spucke auf den Boden sabbernd. Ein Schleim, der die Straßen bedeckt und so ein Entkommen nahezug zwecklos macht. Sie grinst mich hämisch an mit ihren Schokoresten zwischen den gelben Zähnen. Ihre Augen sprühen nahezu Feuer und Blitze in meine Richtung und ich bin wie gelähmt. Aus ihrem Hosenbund quellen Fettschwabbel hervor, das Shirt spannt und rutscht bei jeder Bewegung nach oben. Sie bietet mir Schokolade an. Mit Karamell. Gesalzenem Karamell. Und Chips. Mit Paprika. Vielleicht ein bisschen Fast Food. Süßes Gebäck oder mit Käse überbackene Schweinereien. Mein Hunger nagt an mir. Ich spüre, wie mein Widerstand immer kleiner wird, mein innerer Dämon langsam aus mir ausbricht, wie der Knopf meiner Jeans abreist und mein Reisverschluss aufplatzt um den Massen von Körper Platz zu machen, der plötzlich aus all meinen Poren quillt. Das dicke Mädchen sind Lieder über längst vergangene Zeiten. Als für jedes Missgeschick noch eine Erklärung da war – das Übergewicht. Als es einen triftigen Grund gab etwas nicht machen zu müssen oder zu können – das Übergewicht. Als man das Tuscheln und Lästern der anderen noch auf sich beziehen konnte – weil man fett war. Als Männer noch sagten, dass man ein toller Kumpel ist, aber sie dennoch lieber keine fette Freundin haben wollen. Als alles noch so einfach war, weil einfach alles fett war. Fettes Selbstbewusstsein. Fetter Arsch und fettes Fresspaket in der Handtasche. Ich höre ihr teuflisches Lachen als plötzlich alles rot wird und sie vor meinen Augen platzt und all die Süßigkeiten, Selbstzweifel und Wahnvorstellungen auf dem Boden knallen wir Feuerwerkskörper.  Dann ist alles still. Alles schwarz. Das dicke Mädchen ist weg. Die Menschen sind weg. Wien ist weg. Es gibt nur noch mich mit meiner kaputten Hosen, meinem verweinten Gesicht und meiner Angst, meinen Selbstzweifeln und meinen Wahnvorstellungen um mich herum verteilt. Und in diesem Moment wird mir klar, was ich erreicht habe. Wie ich vom dicken Mädchen geschrumpft bin zu einer Person mit einer normalen Figur. Problemzonen ja. Perfekt ist niemand. Als ich mich aufrappel wird mir bewusst, dass ich dem Teufelskreis entfliehen muss und kann. Dass ich nicht an sie gebunden bin, nur weil sie meine Vergangenheit ist. Dass ich nicht so leben muss wie sie lebte…. Dann wachte ich auf und mir war schlecht. Schlecht von all dem Zucker, dem Fett, den Selbstzweifeln, den Wahnvorstellungen, der Angst…..


Ich krieche. Nein, meine Ernährung kriecht. Beziehungsweise ist momentan eine richtige Ernährung gar nicht vorhanden. Es ist zwar schön, immer zu reden, dass es besser werden muss. Automatisch wird es aber nicht besser. Egal wie oft ich es zu mir sage. Worte sind null und nichtig, wenn die Taten fehlen. In jeglicher Hinsicht. Ich muss Taten sprechen lassen. Mich bemühen. Überwinden. Im Auge behalten welches Ziel ich verfolge. Für wen ich das tue. Dass es gut ist, dass ich es tue und dass das, was im Moment abläuft einfach nur scheiße ist. Im Kühlschrank wartet mein Salat heute mittag auf mich. Hinter mir steht ein Smoothie mit Rote Beete und ein Molkedrink. Ansonsten gibt es nur Wasser. Heute ist Obst und Gemüse Tag. Nichts gebackenes. Kein Fett. Nicht mal glutenfreies. Keine Riegel. Keine Milch. Kein Eis. Nur starrer Blick auf Wasser, Obst und Salat. Der erste Tag ist immer schwer. Der zweite auch. Man verzweifelt. Vielleicht weint man. Man hat das Gefühl, seit Monaten nichts mehr gegessen zu haben. Man braucht dringend was. Nur dieses eine Mal. Der Hunger ist riesig. Jeden in seiner Umgebung sieht man nur essen. Das, was man auch gerne hätte. Das ist die Psyche. Scheiß Psyche. Redet uns ein, wir wären schwach und könnten nicht durchhalten, was wir uns wünschen. Der garstige Schweinehund, der nach jedem Stück Zucker lechzst. Ich gönne keinem von beidem mehr irgendeinen Vorteil mir selbst gegenüber. Weder meiner Psyche noch meinem Schweinehund. Das klingt paranoid? Das ist es auch. Aber das ist normal bei mir. Ich bin ja auch ein Junkie. Ein Zuckerjunkie. Am Ende des Tunnels ist ein Licht. Stellt sich nur die Frage: Ist es der Ausgang oder nur eine Glühbirne?

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