Big is beautiful

Big is beautiful

Nur ein Fetter darf zu einem Fetten sagen, dass er fett ist. Kennt ihr das? Es hält sich keiner dran, weil es ja meist die Schlanken sind (die, die nie Probleme mit Übergewicht haben und dennoch immer an sich und anderen am Mäkeln sind), die jemand anderen als fett titulieren.

Heute Morgen in der UBahn bin ich neben einem Mann gesessen der – und das nehme ich mir jetzt heraus, weil ich auch fett war – extrem fett war. Er schnaufte so laut, dass ich ihn durch meine laute Musik durch hörte und ich fragte mich, wie man es so weit kommen lassen kann. Wie konnte ich es so weit kommen lassen?  Und das Erschreckende daran ist, dass es unheimlich leicht und unheimlich schnell geht, bis es mal so weit ist. Erst siehst du es nicht, dann ignorierst du es und irgendwann gibst du dich einfach geschlagen. Dieses Loch, in dem man plötzlich sitzt, ist unglaublich tief und unglaublich dunkel und verdammt gemütlich. Sodass man erst nicht raus will und es später kaum schafft. Ein Loch, mit einer derartigen Anziehungskraft, dass man selbst im erschlankten Zustand täglich gegen dieses Magnetfeld anzukommen versucht. Schaut mich an.

Am Wochenende habe ich eine Sendung gesehen in der eine – sorry – extrem fette Frau zu anderen Leuten gegangen ist um ihnen zu erklären, wie falsch sie sich ernähren und was sie anders machen sollten. Nochmal sorry, aber woher will sie das wissen, denn man sieht ihr an, dass sie es augenscheinlich selbst nicht weiß?! Dabei versucht sie dann während der gesamten Sendung zu erklären, dass es ihr total toll geht und sie wahnsinnig sexy ist, so wie sie ist, jammert aber im gleichen Atemzug über die schockierten Blicke ihrer Mitmenschen als sie versucht in den Urlaubsflieger nach Malle zu steigen.

Abgesehen davon, dass sie weder ein gutes Beispiel noch eine gute Ratgeberin ist, frage ich mich, wie um alles in der Welt, man sich mit einem derartigen Gewicht (ich schätze 160 Kilo bei einer Größe von 1.70m) wohlfühlen kann. Wie man sich sexy finden kann? Hochachtung vor so viel Selbstbewusstsein! Aber auch Mitleid für so viel Blindheit. Blindheit vor gesundheitlichen Problemen die ein derartiges Gewicht eben mit sich bringt. Blindheit vor gesellschaftlichen Problemen angefangen bei den Blicken anderer bis hin zu der Diskriminierung im Arbeitsleben.

Kann man sich wirklich sexy fühlen, wenn man keine Kleidung in seiner Größe findet? Sexy, wenn man Kleidung anzieht, die offensichtlich mehre Größen zu klein ist? Sexy, wenn alles schwabbelt und kneift? Sexy, wenn die Menschen über einen lachen und selbst die anderen Männer (damit meine ich die, die nicht so der pralle Fang sind, wie andere) das Weite suchen? Sexy, wenn man auf der Straße hört, dass die Fette schon wieder frisst, nur weil man sich was zu Essen holt oder vll im Laufen isst? Sexy, wenn man nach kürzesten Wegen schnauft und keucht und schwitzt wie ein Schwein?

Was ist daran sexy? Was ist daran toll?

Ich habe an diesem Zustand nie etwas Gutes gefunden. Das Übergewicht war immer nur ein Vorwand, bestimmte Sachen nicht tun zu können. Zu müssen. Vielleicht auch, weil eh keiner da war, der sich mit mir hätte sehen lassen wollen. Ich bin kein Fitnessfanatiker und ich predige auch nicht Size 0 aber ich finde, dass zu fett einfach zu fett ist. Ich nehme mir raus zu sagen, weil ich selbst fett war, dass fett sein scheiße ist und das keiner….KEINER…sich wirklich wohl fühlt, wenn er fett ist. Ich rede nicht von 10 Kilo/20 Kilo Übergewicht, die nichts Schlimmes sein müssen. Ich rede von Gewicht weit über 100 Kilo. Ich rede von Kleidergrößen jenseits der 46.

Bitte, liebe Übergewichtigen, liebe Fette da draußen, sie sich sexy und geliebt und begehrt fühlen, die 20 Kerle an jedem Finger haben und einen Job in einer verdammten Führungsposition, die sich jeden Morgen geschniegelt und gestriegelt in ihren Hosenanzug quetschen und dann leichtfüßig mit den Öffis ins Büro fahren. Bitte, erklärt mir, wie man sich sexy fühlen kann.

Denn ich würde mich auch gerne sexy fühlen. Zumindest einmal.

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3 Gedanken zu “Big is beautiful

  1. Ich trage Kleidergröße 48 und mein Mann findet mich sexy – und trotz dass ich 2 Kinder zur Welt gebracht habe.
    Ich denke, in einer gewissen Zeitepoche wäre ich eine sehr begehrte Frau. ^^
    Trends ändern sich. Ich finde zb. die „big boodies“ aus Amerika zeigen ganz deutlich was auch meine eigene Erfahrung ist: Insgeheim stehen Männer auf herum wabbeln.
    Nur … solange sie nicht das Wabbelding ihren Freunden vorstellen müssen, ist alles ok(bis auf eine Außnahme – mein Ehemann, der voll zu seiner dicken Frau steht).
    Schrecklich was sich die schlanken und dünnen für einen gesellschaftlichen Krieg da leisten. Ich habe bisher ausschließlich Männer kennen gelernt die alle samt schlank bis dünn waren und mich mit dem Übergewicht geil fanden. Zwei waren sogar dabei deren kurzzeitige Affäre ich war – ihre Freundinnen schlank und flachbrüstig.
    Tja da muss den Männern ja scheinbar irgendwas fehlen, wenn sie ihre schlanke Freundin mit einer dicken Frau betrügen. 😉

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  2. Ich kann dich so gut verstehen… ich trage Kleidergröße 50 und finde mich abscheulich – abgesehen von meinem Gesicht mag ich nichts an mir.
    Mein ganzes Leben lang wurde ich gehänselt – seltsamerweise am meisten, wenn ich Sport mache. „Schaut mal die Fette da“, „Krass, dass die Fette Kuh auf ein Rad passt“ „Friss lieber nen Burger, es hat doch eh keinen Sinn!“

    Wie geht man mit sowas um? Keine Ahnung… ich weine. Ich bin verletzt, es tut weh. Ich weiß, dass ich dick bin. Ich versuche dagegen zu kämpfen – schon mein ganzes Leben lang.

    Es ist wie du sagst – man merkt es erst nich, dann ignoriert man es und dann sitzt man in diesem Loch.

    Ich spiele Geige, seit ich 2 Jahre alt bin. Ich bin ziemlich gut darin. Ich habe zwei Orchester und ein Quartett mit denen ich auftrete. Ich habe einen Master in Chemie und arbeite derzeit an meiner Dissertation. Ich fahre im Winter Ski und im Sommer mit dem Rad in die Arbeit. Ich habe Freunde mit denen ich Radtouren mache oder wandern gehe. Ich bin ständig unterwegs – sitze vielleicht einmal die Woche für 2 Stunden auf dem Sofa. Ich habe einen Freund, der eine Sportskanone ist. 190 cm, blond, durchtrainiert – ein Adonis – er liebt und begehrt mich (ganz ehrlich: ich weiß nicht, warum er letzteres tut). Auch dafür ernte ich verachtende Blicke – denn offensichtlich habe ich es, der breiten Meinung nach, nicht verdient von jemandem geliebt zu werden, der so schön ist.
    Sie sehen nur die fette blöde Kuh, die sich erdreistet nach einer 100 km langen Radtour den Rückweg im Zug mit dem Fahrrad zurückzulegen, und damit Platz für Koffer zu blockieren. „Du nimmst doch eh schon genug Platz weg – muss es dann auch noch ein Fahrrad sein, dass du offensichtlich eh nur herumschiebst?!“

    Ganz ehrlich – keine Ahnung wie man sich sexy fühlen kann. Ich fühle mich manchmal sexy, wenn ich in den Spiegel sehe und meine blauen Augen und den roten Kussmund betrachte. Dieser Ausschnitt (mein Geischt) an mir ist schön – und wenn ich mein diesen betrachte, dann ja – da fühle ich mich schön und begehrenswert – für einen kurzen Moment…
    Solange, bis ich wieder nach draussen gehe und irgendjemand, der mich nicht kennt, mich verurteilt, weil ich dick bin…

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  3. Vielleicht ist es ja nicht das allerwichtigste auf der Welt, sich SEXY zu fühlen. Vielleicht haben wir fetten, die sich wohl oder zumindest mal nicht total mies fühlen ja begriffen, dass es im Leben schöneres gibt, als SEXY zu sein. Vielleicht fühlen wir uns gut. schön. süß. hübsch. nett. freundlich. gutmütig. liebevoll. geheimnisvoll. unnahbar. cool. schön vielleicht. Vielleicht ist es uns nicht wichtig, von der Masse da draußen in der Fußgängerzone direkt als Sexbombe identifiziert zu werden. Oder nur von denen, die auf andere Fette stehen. Was nicht unbedingt fette sein müssen. Vielleicht ist sexy sogar etwas, worauf wir dankend verzichten können und wollen. Vielleicht ekelt es uns an, dass „sexy“ das nonplusultra sein soll und wer nicht von weitem als laszives Betthäschen identifiziert werden kann, nix in der Gesellschaft gelten soll. Vielleicht liegt man irgendwann auf dem Sterbebett und kann von sich behaupten: Ich war ein arroganter Sack. Armut ging mir am Arsch vorbei, menschlich gesehen hatte ich keine echten Freunde, nur welche, die von anderen für ihr äußeres respektiert werden wollten. Aber SEXY! Sexy war ich. Die Männer haben sich die Finger nach mir geleckt wie nach einem Stück Rinderfilet. Mensch, war das ein tolles Leben. Da hat es sich gelohnt, abzunehmen.

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