Die tägliche Qual

Die tägliche Qual

Decker scharrt mit den Hufen und läuft mit einem gequälten Gesichtsausdruck auf und ab. Die Wände beben und alles auf meinem Schreibtisch zittert und klimpert. Ich frage mich, wie lange es dauert bis die Menschen von unten hier hoch kommen um sich wegen des Donnerns zu beschweren. Es klingt, als würde jemand Abrissarbeiten vornehmen, so laut stampfen ihre Schritte auf dem Parkett. Das typische Donnergrollen kann ich als Knurren identifizieren. Wutknurren. Ein Geräusch, welches man sonst nur von drohenden Tieren kennt.

Sie will was Süßes. Sie hat keinen Appetit und auch keinen Hunger, eigentlich. Sie verspürt einfach nur dieses nervige Kitzeln im Gaumen, dieses kleine, aufflammende Verlangen nach etwas Zucker, Schokolade, Karamell….

Das Wasser läuft ihr im Mund zusammen und tropft als kleiner Rinnsal aus ihrem rechten Mundwinkel. Hinterlässt eine glänze Spur auf dem Boden. Hoffentlich rutscht sie darauf aus und bricht sich das Genick. Dann hätte ich Ruhe vor ihrem andauernden Hunger, Verlangen…ihrer Gier.

Ständig jammert sie, dass ein Stück Schokolade noch keinen fett gemacht hat. Das man ein Bonbon gar nicht merkt und dass ich mir meine Zahnpflegekaugummis in den Arsch schieben kann.

Ich will ihr nicht nachgeben. Ich bleibe standhaft. Heute fange ich an, standhaft zu bleiben. Denn ich mag nicht mehr. Sie geht mir auf den Geist. Ihr speckiges Gesicht, das viel zu enge Shirt welches bei jeder Bewegung hochrutscht. Wie sie ständig ihre Brille nach oben schieben muss, da diese dem Schweißfluss nach unten folgen will. Dieses Grunzen, wenn sie Chips oder Schokolade in sich hineinstopf, das Rülpsen und Furzen und dieses dumme Lachen, wenn sie merkt, dass die Tüte noch gar nicht leer war, oder noch eine zweite existiert.

Ich gebe es zu, ich habe ein schlechtes Gewissen sie loszuwerden. Sie war immer da, selbst als alle anderen gingen. Sie war da, als mein Vater starb, als die Hänseleien losgingen und ich mir anhören musste, dass sterben eigentlich das Beste war was mein Vater hat tun können, denn wer will schon eine Tochter wie mich haben. So fett. So nutzlos. So dumm. Decker war da, als mich die Jungs für cool hielten, aber sich dennoch nicht mit mir sehen lassen wollten, weil ich fett war. Decker war da, als ich Karottenhosen aus Stretch tragen musste – in orange – als alle anderen Schlaghosen hatten. Decker war da, als ich verarscht und beschimpft wurde. Also man „fettes Schwein“ und „dicke Kuh“ zu mir sagte. Als die Leute über mich tuschelten. Decker war da als ich belogen und betrogen wurde, als sich Freunde als falsch und hinterhältig entpuppten und als ich weit weg  von meinem Zuhause ein neues Leben begonnen habe. Versteht mich nicht falsch, das was sie tut ist nicht richtig und schadet mir – nicht ihr – aber sie ist ein Teil von mir. Sie ist meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft. Ohne Decker gäbe es mich nicht und ohne Decker hätte ich nie begonnen mein Leben zu ändern. Gegen Sie zu kämpfen, mit ihr zu diskutieren und ihr aufzuzeigen, dass dieser – meiner – der richtige Weg ist, gehört zu meinem Leben dazu. Sie zeigt mir jeden Tag, dass es sich lohnt zu kämpfen. Dass es sich lohnt auch mal zu verzichten und die Tafel Schokolade nicht ganz aufzuessen und die Chips gar nicht erst zu kaufen, egal wie groß dann ihre Heulerei ist.

Decker hat mir gezeigt, dass ich mehr sein kann, als fett, nutzlos und dumm. Sie hat mir gezeigt, dass ich alles schaffen kann, auch wenn es schwer wird – am schwersten ist die Konfrontation mit ihr. SIe hat mir gezeigt, dass sich lohnt zu kämpfen…

Und Decker hat mir gezeigt, dass ich jetzt doch Heißhunger auf Schokolade bekommen habe….

Aber ich will keine essen.

Nein.

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