Der Anbeginn der Tage….

Der Anbeginn der Tage….

Seit  einigen Stunden geht es mir gut. So gut, wie seit Monaten nicht mehr. Ich kenne das. Meist falle ich danach in ein tiefes Loch und ein Teil in mir wartet schon regelrecht auf diesen Absturz. Der andere Teil freut sich einfach, dass ich sturmfrei habe. Kein Dämon daheim. Auch nicht unter dem Bett oder hinter der Couch. Ich sollte solche Momente nutzen, mal wieder was für mich tun. Lange, heiß duschen oder mir die Nägel machen. Aber ich sitze vor dem Laptop und schreibe einen Beitrag. Ich habe gelesen, dass es positiv ist, sowas zu tun und bei der Selbstreflektion hilft. Und von meiner Ärztin habe ich heute gehört, dass sie meine Art der Selbstreflektion sehr gut findet und ich damit weitermachen soll. Mit dem Schreiben und dem offenen Reden über meine Krankheit. Dass ich mich nicht schäme und mich nicht unterkriegen lasse (und das, obwohl ich ihr erzählt habe, wie schlecht es mir in den letzten Tagen ging). Allerdings habe ich nicht das Gefühl, dass es bergauf geht. Ich würde sagen, dass ich einfach hin und wieder mal die Spur wechseln aber noch immer leicht steil unterwegs bin.

Manchmal frage ich mich, warum gerade ich mit sowas zu kämpfen habe. Natürlich, es könnte schlimmer sein und alle Leute, die schlimmer dran sind als ich, tun mir auch leid und habe oft das Gefühl dass meine Krankheit im Gegensatz zu zum Beispiel Krebs eigentlich eine Lappalie ist, aber dennoch geht es mir schlecht und ich lebe irgendwie nicht. Denn die Existenz, die momentan meinen Alltag bestimmt nicht nicht sonderlich schön. Es ist kein schönes Gefühl, Angst vor da draußen zu haben und es nicht toll, Überwindung zu brauchen, um vor die Tür zu gehen. Zusammen zu schrecken bei jedem Klingeln des Telefons oder Läuten an der Tür. Es ist auch nicht schön, nicht mehr so belastbar zu sein und zu merken, dass man eigentlich gar nichts mehr aushält. Nicht mal mehr Dinge, die einem Spaß gemacht haben. Und es ist verletzend, dann von Kontrollärzten zu hören, dass sie gerne wissen würden, was ich in meiner „Freizeit“ so tue, während ich „warte“ einen Therapieplatz zu bekommen. Ich soll es nicht an mich ran kommen lassen, sagt meine Ärztin, sagt meine Mutter, sagen meine Freunde. Aber das ist verdammt leicht gesagt. Ich wünschte ich hätte Freizeit. Das, worunter man Freizeit versteht. Dann könnte ich mit meinem Sohn in den Zoo fahren oder mich mit meiner Freundin treffen. Dann könnte ich wieder über positive Dinge schreiben und meine Leser nicht seit Monaten mit meinem Gejammer nerven. Ich könnte was für mich tun oder einfach mal unbeschwert gar nichts tun. Das wäre schön. Ich sehne mich danach. Aber momentan ist es leider noch nicht wirklich. Ich bremse mich selbst aus. Die Krankheit bremst mich aus. Ich weiß, was ich schreibe klingt wie ein Widerspruch in sich und viele werden sagen, dass ich mich einfach nur anstelle und rumheule – das sind dann die Menschen, die weder Empathie noch Wissen über die Krankheit besitzen, die nicht daran glauben, dass es diese Krankheit gibt und dass es nur eine Ausrede ist…ich kenne die Kommentare und Beschimpfungen. Aber zu allem Überfluss, habe ich dann mit diesen Leuten noch sagenhaftes Mitleid. Wegen ihrer Unwissenheit. Und ihren fehlenden sozialen Kompetenzen. Weil sie so weltfremd sind und weil ihr Tellerrand dort endet, wo er bei den meisten anderen erst beginnt – aber momentan fühle ich mich so. Ich dürft das nicht falsch verstehen. Ich sitze nicht in der Ecke und heule oder wünsche mir zu sterben. Ich versuche, all die negativen Gefühle irgendwie zu kompensieren. Ich bastel und spiele Lego mit meinem Sohn. Ich puzzle und manchmal kapsel ich mich einfach ab und genieße die Stille und versuche mit zu erden. Mir klar zu machen, dass doch eigentlich alles gut ist (was eher weniger gut funktioniert).

Vieles, was ich früher gerne getan habe, mache ich nicht mehr. Weil es mir keinen Spaß mehr macht oder weil es mir Angst macht. Ich schaue kaum noch fern. Es interessiert mich einfach nicht mehr. Und ich höre auch nur noch wenig Musik. Und wenn, dann auch nicht mehr so laut. Ich habe wieder viel öfter Lust zum Lesen, aber momentan fehlt mir dazu einfach die Zeit, weil ich viel zu gerne puzzle oder bastel. Ja, das klingt verdammt langweilig und auch überhaupt nicht nach mir, aber es tut mir gut. Es macht mir Spaß, wenn man von Spaß reden kann. Ich kann abschalten und mich irgendwie entspannen. Ich habe keinen Druck, keinen Stress und ich muss auch nicht die Arbeit anderer machen. Ich mache mein Ding, in meinem Tempo und für mich. Das tut mir gut. Und ich habe mir vorgenommen, dass ich auch nichts mehr tue, was mir schadet. Dann bleibt die Arbeit der anderen eben liegen, sollen sie sie doch selbst machen. Und Fehler anderer werde ich auch nicht mehr ausbügeln. Für was? Interessiert mich nicht. Sollen die anderen doch besser arbeiten. Ich schaue nur noch auf mich. Das klingt egoistisch? Ja, das ist es auch. Und es tut mir gut. Ich bin nicht für alle und jede verantwortlich. Wenn andere Leute ärger bekommen, dann juckt es mich nicht und wenn andere Leute mit ihrem Zeug nicht fertig werden, dann interessiert mich das auch nicht mehr. Ich habe mich seit meinem Arbeitsbeginn so reingehängt – meist für andere – dass ich auf mich komplett vergessen habe. Ich will nicht mehr 24 Stunden erreichbar sein. Auch nicht am Wochenende oder im Krankenstand. Ich will nicht das machen, was andere liegen lassen oder das machen was andere nicht tun wollen, weil sie es nicht können, nicht verstehen. Ich will nicht für die Fehler anderer den Kopf hinhalten und will auch nicht dafür sorgen, dass sich andere einen schönen Tag machen und ich im Büro sitze und ihre Arbeit mache, um mir dann auch noch dumme Kommentare anhören zu müssen. Nein! Keine Lust mehr! Weder auf solche Leute noch auf solche Arbeiten und Aufgaben. Irgendwann muss Schluss sein! Ich bin zu alt für diesen Scheiß! Man muss seine Qualitäten kennen und ich fange an, meine langsam kennen zu lernen und zu schätzen. Heute glaube ich, dass ich auf einem guten Weg bin. Das kann morgen wieder anders aussehen. Und genau deswegen möchte ich diese Gedanken und Gefühle festhalten. Damit ich mich erinnern kann, dass ich doch noch Hoffnung habe, dass alles wieder wird. Dass ich sehe, dass es, wenn auch nicht stetig und regelmäßig besser wird und um zu notieren, dass heute seit langem wieder ein guter Tag ist. Ich weiß ihn zu schätzen und bin dankbar dafür.

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