Bodyshaming…

…heutzutage gibt es für alles ein passendes Wort. Wenn ich beispielsweise nichts mehr trinken mag, dann nennt man das nach dem neuen deutschen Duden sitt – satt nur für Getränke. Ja das war echt notwendig, besonders weil wir ohne dieses Wort nie sagen könnten, dass wir einfach nichts mehr trinken wollen. *oops*

Bodyshaming ist auch so ein Wort. Heute sagt man nicht mehr, dass man mit diversen Stellen seines Körpers nicht zufrieden ist. Heute sagt man „shaming“. Ich schäme mich, für mich, meine Dellen, meine Rundungen, meine Pickel, meine krummen Beine und meinen kleinen Busen. In einer Zeit, in der alles perfekt sein muss und in der angeblich gerade das nicht perfekte besonders perfekt ist, ist jeder des Wahnsinns, wenn er einfach nur zufrieden ist…..

Ich weiß nicht, wann ich damit angefangen habe, mich für meinen Körper zu schämen. Andere über mich zu stellen und zu meinen, das Schlimmste, was es gäbe, wäre ich. Ich erwische mich dabei wie ich denke, dass jemand der die Wahl zwischen mir und beispielsweise Krätze hat, lieber die Krätze nimmt. Warum ich so denke, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich von zu vielen Leuten, die ich für zu wichtig hielt, immer abgelehnt wurde. Vielleicht, weil ich immer so sein wollte, wie andere – nur nicht ich selbst. Und vielleicht weil nie einer, den ich wollte, mich mochte. Vielleicht denke ich auch, dass ich mehr gemochte werde, wenn ich so bin wie andere Menschen, die gemocht werden. Versteht mich nicht falsch: ich habe meine Freunde und unglaublicherweise mögen die mich. Also sie sagen es zumindest. Aber ich war nie beliebt. Scharte nie Freunde oder Verehrer um mich (nicht, dass das wichtig wäre – überlebenswichtig). …

Ich weiß nicht, warum ich mich nicht einfach mögen kann. Ich weiß echt nicht, warum ich Sätze über meinen Körper immer mit einem ABER weiterführe. Immer habe ich was an mir auszusetzen, zu mäkeln, besser zu machen. Anstatt zufrieden zu sein mit mir und meinem Leben. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einfach mit mir zufrieden war. Mich wohl gefühlt habe in meiner Haut ohne zu denken „oh Mann, du hast zu viel gefressen – morgen wiegst du 30 Kilo mehr“ oder mit schlechtem Gewissen Süßigkeiten zu essen nur um dann kurze Zeit später zu erwischen wie ich voll mit Frust und Scham die restliche Schokolade auch noch in mich hineinstopfe, obwohl mir sowieso schon schlecht ist.

Es gab eine Zeit, da habe ich auf all das nichts gegeben. Ich dachte mir, dass man mich so zu nehmen hat, wie ich nun mal bin und dass ich nicht schlecht bin. Im Gegenteil. Ich hatte ziemlich viel zu bieten. Dann fing ich an abzunehmen. 40 Kilo in 5 Monaten. Was für eine Leistung. Ich sollte stolz sein. Auch, weil ich das Gewicht seit fast 6 Jahren halte. Aber ich kann irgendwie nicht stolz sein. Nicht, wenn ich mir denke, dass der erste Weg, den mein damaliger Freund damals ging, zu der stark übergewichtigen Freundin seines besten Freundes führte, um sie flach zu legen. Es geht nicht darum, dass dieser Typ mich betrog – ich habe von ihm nichts anderes erwartet, denn für alles andere hätte man Charakter und Hirn gebraucht. In dieser Kombination ist das nur sehr schwer zu finden – bei Männern sowieso (oder bei welchen die sich dafür halten). Die Aktion an sich hat mir zu denken gegeben. Ich racker mich ab, mein Gewicht loszuwerden, um mich gut zu fühlen. Schön zu fühlen und hinten rum hintergeht man mich mit einer Person, die mehr wiegt als ich und die zudem auch noch viel dümmer war als ich (und ich kann mit stolz behaupten, dass ich wirklich intelligent bin). Nachdem ich jahrelang gehört habe, dass Mann mich nicht will, weil ich zu dick bin, erfahre ich plötzlich im schlanken Zustand, dass eine Fette mir vorgezogen wurde. Irgendwie hat das meine Sicht auf mich und meinen Erfolg verändert.

Von diesem Trugbild will ich mich aber nicht mehr leiten lassen. Ich werde dieses Jahr 32, bin gesund und habe ein gesundes Kind. Ja, ich trage Disney Shirts und ich verrate euch ein Geheimnis: Ich schlafe auch nachts in Disney Schlafanzügen und trinke aus Mickey Maus Tassen meinen Kaffee. Ich bin verdammt noch mal so wie ich bin! Und wenn ich Schokolade esse, dann esse ich Schokolade – auch wenns 3 Tafeln sind und ich danach die halbe Nacht speib. Und wenn ich auf dem Stepper stehen will, dann tue ich das. Und wenn es 2 Stunden sind….weil die Musik einfach zu gut ist, dann ist das eben so. Und das hat niemand zu beurteilen, außer ich selbst – und ich tus nicht. Ich habe mich nicht rechtzufertigen, warum ich schief singe oder den Darth Vader Marsch anstimme wenn ich nachts meinen Sohn einschunkeln muss. Ich mache, was ich für richtig halte. Ich sage, was ich für mich richtig halte und ich ziehe an, was ich für richtig halte. Und wenn meine Beine zu fett sind und mein Arsch hinten aus der Hosen hängt, dann geht des die Leute einen Dreck an, solange ich mich wohl fühle (obwohl ich nicht glaube, dass ich mich mit Arsch aus der Hose sehr wohl fühlen würde…). Ich weiß, dass der Mensch nicht zufrieden ist, wenn er nicht über wen herziehen darf oder einem anderen sagen kann, was er an seiner Stelle tun würde, aber mein Grund, dass ich hier bin ist nicht, dass andere sich wohl fühlen. Des ist mir wurscht! Wichtig ist, dass ich mich wohl fühle. Dass mein Sohn sich wohl fühlt und dass er vielleicht in 10 Jahren, wenn ich ihn von der Schule abhole sagt „die Wahnsinnige dahinten mit den Mickey Maus Ohren, des ist meine Mama“. Dann habe ich alles richtig gemacht (denn dann war ich wohl im Disney Land und habe mir solche Ohren gekauft). Zumindest für mich und meinen Sohn.