Schüchtern

Schüchtern

Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich schüchtern bin und in Gegenwart einer Person, für die ich mehr empfinde, Stottern muss (und gleich komplett den Faden verliere) und Schweißausbrüche bekomme, dann glaubt mir das keiner. Weil ich eigentlich auch nicht schüchtern bin. Außer ich empfinde mehr als Freundschaft oder Bekanntschaft.

Sonst, im normalen Leben, bin ich echt witzig, schlagfertig. Ich lache viel und mache meine Späße. Ich beherrsche Sarkasmus, Ironie und Bayerisch. Mit mir kann man sich vollkommen ohne jeglichen Humor aber auch sehr gut unterhalten. Ich kann zuhören und gebe gute Ratschläge (auch wenn der meistgegebene Ratschlag noch immer „Ach, fuck it“ ist). Ich bin intelligent – ja, bin ich wirklich! Und das lasse ich auch gerne raushängen. Ich mag es schon, wenn mir die Leute zuhören, aber ich will gefragt werden. Von mir aus rede ich nur sehr selten (was ja schon den Anschein erwägt, dass ich vielleicht doch etwas schüchtern sein könnte…bin ich aber nicht. Ich habe halt nur keine Lust von mir aus das Reden zu beginnen. Außer ich empfinde für jemanden mehr, da kann ich ganz tolle Gespräche führen über Milchkannen und reservierte Parkplätze. Ich glaube, die Leute finden mich dann auch immer ein bisschen doof. Ich habe noch nie gehört, dass ein Mann gesagt hat „Wow, wir konnten uns 2 Stunden über Milchkannen unterhalten – sie ist ja so süß“ Außer der Typ war irre – und dann habe ich bestimmt nichts für den empfunden. Außer Angst vielleicht. Oder Respekt.) Aber jetzt ohne Witz, ich bin ein guter und gescheiter Ratschläger (also nicht im Sinne von Rad schlagen….ach egal…).

Die Menschen schätzen mich meiner selbst willen – meist sagen das immer die ganz krassen, hoffnungslosen Fälle. Aber vielleicht bin ich ja so einer. Vielleicht findet man mich in 20 Jahren in der Videothek einer seriösen Partnervermittlung und ich stelle mich in einem 5 minütigen Einspieler selbst vor:

Hallo, ich bin Danie, mache gerne Pilates, lese viel und habe 30 Katzen gegen die ich alle allergisch bin. Ich liebe das Risiko und finde, man sollte im Leben auch mal was wagen. Deswegen habe ich mir vorgenommen, ein Jahr lang nicht zu duschen. Bist auch du abenteuerlustig und stürzt dich gerne waghalsig und neue Abenteuer (wie die Eröffnung eines neuen Bastelladens) dann melde dich bei mir.

Ich sehe es schon vor mir…100 Zuschriften von irgendwelchen durchgeknallten Typen, die meine Basteleinkäufe nach Hause tragen und meine Katzen bürsten wollen. Eine Zuschrift von einem, der bei der Chiffre die letzten zwei Ziffern vertauscht hat und zwei Drohmails von Typen die meinen, dass ich mit der Aktion nicht mehr zu duschen die Umwelt verschmutze – so wie furzende Kühe.

Eine glorreiche Zukunft tut sich vor meinem inneren Auge auf…

Hätte ich nicht so ein oscarreifes Kopfkino, müsste ich jetzt nicht noch wochenlang über die Katzenstriegler und Tütenheimtrager lachen….

Eigentlich wollte ich ja was ganz anderes schreiben. Etwas, was ich mir heute fein säuberlich notiert habe, was ich unbedingt loswerden wollte. Aber grad denk ich mir so, dass das nicht so ist. Die Freiheit, sich jederzeit umentscheiden zu können, ist doch was tolles, oder?! Irgendwie finde ich, dass der eher introvertierte und negative Text, den ich heute Mittag fühlte, jetzt nicht mehr in mein Schema passt. Zwar bin ich noch immer nicht davon überzeugt, dass sich bei mir in Sachen – Achtung, hochtragendes Wort – Liebe etwas tun könnte  – aber ich bin definitiv nicht mehr so niedergeschlagen. Eher abenteuerlustig. Waghalsig und komplett bescheuert…..

 

Ok

In der letzten Woche habe ich viel nachgedacht. Über mich. Über die anderen. Über Themen, die ich vorher nie  berücksichtigt habe…

Wo will ich hin? Wie kann ich das erreichen? Was macht mich aus? Wer bin ich? Wie sehen mich die anderen? Wie sehe ich mich eigentlich selbst? Und ist es wichtig für mich, wie mich die anderen sehen? Muss mir das gefallen oder ist es mir egal? Und wenn, warum wäre es mir nicht egal? Würde es was ändern?

Ich sollte über meine Stärken reden, was mich ausmacht, worauf ich stolz bin. Aufschreiben, was ich gut finde an mir – innerlich (Herz, Niere, Leber – und so) – nicht oberflächlich. Wer bin hinter meinen Reiterhosen und meinem Schwabbelbauch? Ist dieses Person liebenswert? Liebe ich dich Person? Liebe ich mich? Oder kann ich mich wenigstens so akzeptieren wie ich bin?

Und es ist komisch, ich wurde gefragt, was ich an mir ändern würde und zum ersten Mal in meinem Leben musste ich antworten

„Nichts. Ich würde nichts an mir ändern. Weder äußerlich noch innerlich.“

Und dabei hätte ich fast geheult, denn noch nie in meinem Leben gab es eine Zeit, wo ich nichts hätte ändern wollen. Ich nehme mich so an, wie ich bin. Ich bin nicht perfekt und ich will es nicht sein. Ich fühle mich wohl und ich kann glücklich sein, auch mit Größe 42. Ich könnte wieder mehr Sport machen, für mich, aber nicht für die Gesellschaft, die predigt, dass Frauen jenseits der Größe 40 fett sind. Das ist nämlich falsch! Und abgesehen davon, ist es mir egal.

Ich habe viel geschafft in meinem Leben. Viel überstanden und überlebt. Ich weiß, was scheiße ist und ich weiß, was gut ist. Ich kann das klar differenzieren. Und ich weiß, dass JETZT alles gut ist und noch besser wird. Ich bin auf einem Weg, bei dem es wichtig war, loszugehen.

Und nun, wo ich den Weg schon fast 4 Wochen gehe, sehe ich Dinge, die mir vorher verborgen blieben. Begegnungen, Ansichten, Unterhaltungen, Menschen, die mir geschenkt wurden…Erkenntnisse, die ich nicht missen möchte. Die einen nennen es Schicksal, vielleicht auch nur Zufall, vielleicht aber auch Fügung….was auch immer, ich bin froh drum. Ich weiß jetzt Dinge zu schätzen und ich arbeite daran, nicht mehr alles nur negativ zu sehen. Ich will offen sein, für alles, was sich mir bietet. Ich will diesen Neuanfang voll auskosten und leben.